Archiv des Autors: Lacko Duda

ZELMIRA NICKEL,

„Daheim Altern“

Der Staat sollte die Infrastruktur an die Bedürfnisse der alternden Gesellschaft
anpassen. Es gibt sehr wenig Heimplätze und zudem wollen viele ältere Menschen
allein in ihrem Zuhause bleiben, selbst wenn sie in ein Altersheim wechseln könnten.
Unsere Gesellschaft sollte umdenken. Heutzutage wird der alte Mensch „nicht mehr gebraucht“ und oft als Last gesehen! Es ist notwendig, diese Einstellung umzukehren, den Dialog zwischen den Generationen zu fördern, und Möglichkeiten zu bieten, dass sich Junge und Alte austauschen. Betreuung „so billig wie möglich“ kann kein tragfähiges Konzept für die Zukunft sein. Betreuung und Pflege müssen unserer Gesellschaft mehr wert sein. Jedem scheint bewusst zu sein, dass man gut ausgebildetes Personal nur zu fairen Konditionen langfristig an den Standort Österreich binden kann. Es braucht mehr finanzielle Unterstützung, um einen Anreiz zu schaffen, damit gut qualifizierte ausländische Betreuungskräfte den weiten und gerade im Moment sehr mühsamen Weg zu uns auf sich nehmen. Ich würde mir wünschen, dass sich Gesellschaft und Politik in Zukunft mehr auf die Prävention vor der Pflege konzentrieren. Und zwar so, dass die Begleitung im Alltag durch eine Betreuungskraft für jeden finanzierbar ist und somit eine selbstständige Lebensführung möglichst lange gewährleistet wird.

„Die Pflegenden sehen uns in unserer nackten Existenz“

Pflegerinnen und Pfleger sind große Helfer in der Pandemie. Der Beruf lasse sich aber kaum auf menschenwürdige Weise ausüben, sagt die Pflegewissenschaftlerin Uta Gaidys.

Interview: Elisabeth von Thadden

Pflegewissenschaftlerin: „Die meisten wählen den Beruf, weil sie hilfsbedürftigen Menschen helfen wollen“, sagt Uta Gaidys über Pflegende.
„Die meisten wählen den Beruf, weil sie hilfsbedürftigen Menschen helfen wollen“, sagt Uta Gaidys über Pflegende.

Wir wollen die Virologen mit der Deutung der Lage nicht allein lassen. Deshalb fragen wir in der Serie „Worüber denken Sie gerade nach?“ führende Forscherinnen und Forscher der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, was sie in der Krise zu bedenken geben und worüber sie sich nun den Kopf zerbrechen. Die Fragen stellt Elisabeth von Thadden. Die Krankenschwester und Pflegewissenschaftlerin Uta Gaidys, 52, ist Professorin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Seit dem 1. Februar 2021 gehört sie dem Wissenschaftsrat an.

ZEIT ONLINE: Worüber denken Sie gerade nach, Uta Gaidys?

Uta Gaidys: Ich denke über die Pflege unter Corona nach, über die Millionen Menschen in den Kliniken, den Heimen, zu Hause, über die Pflegenden und über die Pflegebedürftigen, denen sie beistehen. Gerade jetzt in der Pandemie merken wir, wie wir auf unseren Lebensalltag zurückgeworfen werden, wie Fragen nach einem Leben mit Infektionen, mit Krankheit, mit Verletzlichkeit unseren Alltag bestimmen. Und wir sind erschrocken, weil wir merken, dass wir verloren sind, wenn nicht genug Menschen da sind, die kompetent pflegen können. Es zeigt sich: Die Pflege ist ein hochkomplexer Beruf, der darin besteht, Menschen in existenziellen Situationen des Krankseins zur Seite zu stehen. Und zu wenige üben ihn aus.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie mit hochkomplex, und was bedeutet für Sie existenziell?

Gaidys: Von der fachlichen Seite der Pflege ist viel zu wenig die Rede, weil öffentlich das Bild der erschöpften Burn-out-Pflegerin dominiert. Das ist ärgerlich und folgenreich. Denn dieser Beruf erfordert ein anspruchsvolles Fachwissen. Nur Pflegende wissen, was Menschen in Atemnot erleben und wie sich die Angst und die Not lindern lassen. Nur sie wissen, was es bedeutet, wenn ein Mensch, dessen Körper in Kontrakturen, in Krämpfen versteift ist, sich nicht selbst im Bett drehen kann. Zum fachlichen Wissen kommt die Begegnung mit dem genuin Menschlichen: Die Pflegenden sehen uns in unserer nackten Existenz. Sie schauen den Menschen an. Sie sehen uns in unserer Würde. Sie halten sich da auf, wo viele wegschauen, weil wir uns wissend und stark fühlen wollen, wie es für unser modernes Menschenbild charakteristisch ist. Aber in der Corona-Krise merken wir: Diese Stärke täuscht, und sie geht mit einer fatalen Schwäche einher. Denn die meisten, die mit der Bekämpfung von Krankheit befasst sind, haben keine Energie für den Blick auf das Kranksein.

ZEIT ONLINE: Für die Bekämpfung der Krankheit haben aber alle erstaunlich viel Energie! Die ganze Welt ist rastlos mit Covid beschäftigt. Was ist der Unterschied zwischen Krankheit und Kranksein?

Gaidys: Die Krankheit ist Sache der Mediziner und Virologinnen, die in der Pandemie diagnostizieren, testen, impfen. Die herausfinden, welche Proteine die Lunge angreifen, und die sich um das physiologische Funktionieren eines Körpers kümmern. Sie stellen den Defekt fest und beheben ihn möglichst. Das Kranksein aber wirft andere Fragen auf: Wie kann ich einen kranken Menschen so unterstützen, dass er in seiner Atemnot ruhiger wird? Wie kann ich die Ausscheidungen eines Kranken regulieren? Wie kann ich einer demenzkranken Frau eine Orientierung geben, die ihr ermöglicht, angstlos mit der Pandemie umzugehen? An solchen Fragen entscheidet sich die Würde, und sie ist gefährdet. Schon lange vor Corona haben Pflegende klar gesagt, dass die Rahmenbedingungen ihres Berufs es kaum zulassen, ihn auf menschenwürdige Weise auszuüben.

ZEIT ONLINE: Der Rahmen, in dem Pflege stattfindet, ist so komplex wie der Beruf selbst. Was unterscheidet die Situation in den Kliniken von der in den Pflegeheimen?

Gaidys: Die Unterschiede sind in mancher Hinsicht gar nicht so groß. Denn auch in den Universitätskliniken, die für die akute Versorgung zuständig sind, befinden sich viele chronisch kranke, multi-morbide ältere Menschen unter den Patienten. Es stellen sich ähnliche Fragen wie in den Heimen. In den Kliniken aber ist die Personaldecke eine andere als in den Heimen, die Zahl der examinierten Pflegenden, die Fachkräftequote also, ist viel höher. In Altenheimen hingegen ist auf Grund des Personalmangels auch die Arbeit von ungelernten Hilfskräften erlaubt. Viele von ihnen lassen für diese Tätigkeit ihre eigenen Familien in den Herkunftsländern zurück, viele tun sich mit der deutschen Sprache noch schwer, was die Verständigung mit den schwerhörigen alten Menschen nicht eben erleichtert. Vor allem aber sind sie ohne eine Fachausbildung überfordert. Denn auch in Pflegeheimen leben heutzutage fast nur noch Menschen, die sehr gebrechlich sind und also kompetenter Pflege bedürfen. Es fehlt deshalb in Heimen oft an Gelassenheit, die für alle Beteiligten so nötig wäre.

„Was braucht es für eine gute Pflege und ein Altwerden in Würde?“

Unsere Gesellschaft wird immer älter und die „silberne Generation“ ist
gesünder als jede Generation vor ihr. Gerade im Alter von 60-75 sind die
Menschen aktiver und fitter als je zuvor. Sie engagieren sich aktiv in den
Gemeinden, sind sportlich sehr aktiv, freuen sich und genießen Ihren
Ruhestand. Sie tragen auch noch Verantwortung gegenüber der eigenen Familie
bei der Betreuung und Pflege Ihrer eigenen Eltern, viele pflegende
Angehörige sind oft selbst 65 Jahre und älter!
Alt werden bedeutet nicht nur abhängig und krank sein, sondern man kann
sein Leben in weiten Teilen noch sehr aktiv selbst bestimmen. Genauso wie
sich der Markt an diese ständig wachsende Käufergruppe mit speziellen
Angeboten (Seniorenhandys, auf Senioren speziell zugeschnittene
Dienstleistungen) anpasst, sollte sich auch die Gesellschaft anpassen.
Der Staat sollte die Infrastruktur an die Bedürfnisse der alternden
Gesellschaft anpassen. Es gibt sehr wenig Heimplätze und zudem wollen viele
ältere Menschen allein in Ihrem zuhause bleiben, selbst wenn Sie in ein
Altersheim wechseln könnten. Damit diese aktiven Rentner so lange wie
möglich fit bleiben können, besteht von vielen Seiten großer
Unterstützungsbedarf.
Altern muss nicht zwangsläufig körperlicher Abbau und Verlust von
Selbstständigkeit bedeuten, sondern kann in vielen Bereichen gerade ein
Gewinn sein. Es bedarf geblockter zeitlich begrenzter begleitender
Unterstützung für diese Menschen, und mehr gesellschaftliche Angebote, die
ältere Menschen motivieren mitzuarbeiten, sich einzusetzen, sich zu
engagieren.
Unsere Gesellschaft sollte umdenken. In früheren Zeiten wurden die Älteren
als Erfahrungsträger wahrgenommen und mit großem Respekt behandelt.
Heutzutage wird der alte Mensch „nicht mehr gebraucht“ und oft als Last
gesehen! Es ist notwendig diese Einstellung umzukehren, einen Dialog
zwischen den Generationen zu fördern, und Möglichkeiten zu bieten, sich
aktiv zwischen den Jungen und Alten auszutauschen.
Es ist ein Faktum, dass wir eine alternde Gesellschaft sind und sich diese
Entwicklung immer weiter fortsetzen wird. Die Frage ist nun, wie reagieren
wir auf den Ausruf vieler älterer Menschen:
„Hilfe! Ich will gesund alt werden!“
Es besteht das Bedürfnis nach Unterstützung für fitte Senioren, aber was
braucht es konkret für ein gesundes Altern in Würde?
Es fehlt vielerorts die Akzeptanz der ersten äußeren Anzeichen von
Beschwerden im Alter.
Rollator, Gehstock, Sehhilfe, Hörgerät, Treppenlift oder andere Hilfsmittel
sind aus unserem Bild vom Altwerden nicht wegzudenken und sollten als
wichtige Unterstützung für ein selbstbestimmtes Leben gesehen werden, nicht
als Zeichen der Schwäche.
Würdevolles Altern bedeutet vor allen anderen Dingen ein Leben frei von
Bevormundung, nach den eigenen Vorstellungen, unterstützt durch liebevolle,
einfühlsame Menschen, die einem dabei helfen den Alltag zu meistern oder
nur Gesellschaft leisten. Es bedeutet ein Annehmen der Wünsche und
Bedürfnisse unseren Senioren, freundliche Ansprache und Wertschätzung.
Die Herausforderungen, denen wir uns bei der Betreuung und Pflege der
älteren Menschen stellen müssen, werden uns durch die aktuelle Situation

drastisch vor Augen geführt. Vor allen Dingen die Isolation hat einen sehr
negativen Einfluss auf die Lebensqualität der älteren Menschen.
Neben der Pflege in der Familie und der Unterbringung in einem Altersheim
tragen Betreuerinnen und Betreuer aus Osteuropa die Hauptlast der Betreuung
älterer Menschen in unserem Land. Die globale Pandemie hat durch
Reisebeschränkungen und gesetzliche Auflagen aufgezeigt wie fragil dieses
System in Wirklichkeit ist.
Umso wichtiger erscheint es gerade jetzt, ausreichende Unterstützung in
Form von fairen Rahmenbedingungen herzustellen, um nicht die Familien und
Betreuungskräften mit der gesamten Last der Betreuung allein zu lassen.
Vielerorts mangelt es an Unterstützung und vor allen Dingen finanzieller
Hilfe. Immer noch erfahren Pflegebedürftige, dass vor allem Demenz als
stark einschränkender Faktor in der Pflege und Betreuung nicht mit einer
entsprechenden Pflegegeldeinstufung berücksichtigt wird. Dabei benötigen
gerade demenzkranke Pflegebedürftige oftmals eine viel zeitintensivere
Betreuung rund um die Uhr.
Es gibt viele Vorschläge, wie das System von innen verbessert werden
könnte. Dazu zählen die Erhöhung der Qualität der Betreuung in Form von
Ausbildung der Betreuerinnen, eine an die Zertifizierung von Agenturen
gekoppelte höhere Förderung der Betreuung und vermehrte Aufklärung und
Präventionsarbeit.
Gerade die Betreuung von älteren Menschen ist immer noch eine Arbeit,
welche oftmals über den Preis, als einzig entscheidendes Kriterium
gehandelt wird. Betreuung „so billig wie möglich“ kann kein tragfähiges
Konzept für die Zukunft sein. Betreuung und Pflege müssen uns als
Gesellschaft mehr wert sein.
Dies erfordert ein Umdenken bei allen Beteiligten. Jedem scheint bewusst zu
sein, dass man gut ausgebildetes Personal nur zu fairen Konditionen
langfristig an den Standort Österreich binden kann. Es braucht mehr
finanzielle Unterstützung, um einen Anreiz zu schaffen, damit gut
qualifizierte ausländische Betreuungskräfte den weiten und gerade im Moment
sehr mühsamen Weg zu uns auf sich nehmen. Gerade auch deswegen, da durch
die herrschende Pandemie Reisen durch die notwendigen Tests und
Quarantänebestimmungen nicht nur beschwerlicher, sondern auch empfindlich
teurer geworden sind.
Ein frommer Wunsch an die Zukunft wäre es demnach die Situation derart zu
verbessern, dass die Interessen von betreuten Personen, Familien, und
Betreuungskräfte gleichermaßen gefördert werden, damit das System der
Betreuung von älteren Menschen auch langfristig tragbar und für Familien
leistbar bleibt.
Ich würde mir wünschen, dass sich Gesellschaft und Politik in der Zukunft
mehr auf die Prävention vor der Pflege konzentrieren. Und zwar so, dass die
Begleitung im Alltag durch eine Betreuungskraft für jeden finanzierbar ist
und somit eine selbständige Lebensführung möglichst lange gewährleistet
wird.
Nur dann wird es möglich sein sich auch in der Zukunft auf das Wichtigste
konzentrieren zu können:
Die einfühlsame, liebevolle Pflege und Betreuung älterer Menschen, damit
sie nach Ihren Wünschen und Vorstellungen gut umsorgt und gepflegt Ihren
Lebensabend sorgenfrei genießen können.